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Es gibt immer einen Dreyfus ...
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Alfred Dreyfus, geb. 09.10.1859 in Mulhouse/Mülhausen im Elsass; gest. 12.07.1935 in Paris

Am 22. Dezember 1894 wurde der Hauptmann der Artillerie Alfred Dreyfus (* 9. Oktober 1859 in Mulhouse/Mülhausen (Elsass); gest.  12. Juli 1935 in Paris) schuldig gesprochen, „1894 in Paris einer fremden Macht oder ihren Agenten eine gewisse Anzahl von geheimen und vertraulichen Dokumenten, die die nationale Verteidigung betreffen, übergeben zu haben…“. Das Oberste Kriegsgericht in Paris verurteilte ihn einstimmig zu Degradierung und Verbannung an einen befestigten Platz. Hauptmann Dreyfus wurde am 5. Januar 1895 in einer äußerst demütigenden Prozedur im Hof der École Militaire öffentlich degradiert und am 21. Februar auf die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch – Guayana deportiert. Diese Ereignisse waren das Finale einer Hetzjagd auf einen Unschuldigen, der zum Opfer eines Judenhasses wurde, der vor allem die konservativen Gesellschaftsschichten und das Offizierskorps durchdrungen hatte. Diese Ereignisse waren das Finale einer Hetzjagd auf einen Unschuldigen, der zum Opfer eines Judenhasses wurde, der vor allem die konservativen Gesellschaftsschichten und das Offizierskorps durchdrungen hatte.

Die unvorstellbaren antisemitischen Ausbrüche, die im Umfeld des Prozesses und der öffentlichen Degradierung zu beobachten waren, und die tapfere, aufrechte Haltung des Verurteilten ließen erste Zweifel über dessen Schuld aufkommen. Es wurde bald klar, dass die Führung der Armee, das Oberste Kriegsgericht und sogar Mitglieder der Regierung wissentlich einen Unschuldigen geopfert hatten, um den wahren Schuldigen, den  Major Walsin–Esterhazy zu decken. Dieser offensichtliche Justizirrtum sollte die politische Landschaft Frankreichs über viele Jahre hinweg in zwei Lager spalten und die französische Republik in eine allgemeine Krise stürzen, die bis ins 20. Jahrhundert andauerte.

1889 wurde der elsässische Fabrikantensohn und Jude Alfred Dreyfus zum Hauptmann der französischen Armee befördert. Im selben Jahr feierte die französische Nation den 100. Jahrestag der Revolution. Die französischen Juden, die voller Stolz auf ihre Rolle als Vorreiter der jüdischen Emanzipation in Europa verwiesen,  beteiligten sich mit großer Begeisterung an den Jahrhundertfeiern. In keinem anderen europäischen Land Emanzipation und Integration so vollständig verwirklicht wie in Frankreich. Die französischen Juden waren Patrioten aus innerster Überzeugung und hatten Zugang zu den elitärsten Schulen und Universitäten des Landes, zu Laufbahnen als Staatsbeamte und Karrieren in der Armee.

Im Jahre 1791 hatten die Juden Frankreichs als Ergebnis der Beschlüsse der französischen Nationalversammlung das Recht erhalten, in das Heer aufgenommen zu werden. So beteiligten sich bereits zahlreiche französische Juden an den Revolutionskriegen und den napoleonischen Kriegen. Einer der berühmtesten jüdischen Offiziere der Grande Armée war Henri Rottembourg, der Generalinspekteur der Infanterie wurde. Léopold Sée war Absolvent der Militärakademie in St. Cyr, wurde 1880 Generalleutnant und Divisionskommandeur. Er war stets aktives Mitglied der jüdischen Gemeinschaft und gehörte dem „Consistoire Central des Israélites“ an, eine Art Zentralrat der Juden. Auch im Deutsch–Französischen Krieg von 1870/71 kämpften viele jüdische Soldaten. Unmittelbar vor Ausbruch des 1. Weltkrieges gab es in der französischen Armee 8 jüdische Generale, 68 Majore und 150 weitere Offiziere. 50.000 französische Juden, mehr als 20% der gesamten jüdischen Bevölkerung Frankreichs, kämpften zwischen 1914 und 1918 in der französischen Armee, zwölf von ihnen im Generalsrang.

Auch für den jungen Dreyfus aus Mulhouse im Elsaß war der Eintritt in die Armee und die Wahl der Offizierslaufbahn eine Demonstration seines Patriotismus. Doch die Armee war im wesentlichen ein Erbe der vorherigen Regime. Das Offizierkorps wurde vom Adel dominiert, die leitenden militärischen Stellen wurden von Männern besetzt, die entweder monarchistisch oder nationalistisch gesinnt waren und die republikanische Regierung innerlich ablehnten.

Ein weiterer entschiedener Feind der Republik war die katholische Kirche. Die Kirche und vor allem der hohe französische Klerus sympathisierten mit den Monarchisten und Nationalisten und machten Front gegen jede Art von Fortschritt in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Diese konservativen, monarchistischen Kräfte bedienten sich im Kampf gegen die Republik des Antisemitismus, der seit 1880 immer mehr eine politische Rolle zu spielen begann. Es handelte sich dabei um eine  Mischung aus Judenhass der konservativen Kreise und des Klerus, judenfeindlichem Antikapitalismus der Linken und der unteren Schichten sowie einer auf pseudo-biologischer Basis stehender Rassentheorie.

Auch im französischen Offizierskorps verbreitete sich antisemitisches Gedankengut mit  ansteckender Geschwindigkeit. Die Offiziere des Heeres, im Zweiten Kaiserreich die  gesellschaftliche Elite repräsentierend,  fühlten sich, vor allem wenn sie ohne Vermögen waren, durch die neue Werteordnung in der Gesellschaft zurückgesetzt. Die Karrieren einiger brillanter jüdischer Offiziere verstärkten den von antisemitischen Zeitungen wie La Libre Parole geschürten Hass. Jüdische Offiziere wurden regelmäßig das Ziel antisemitischer Angriffe.

So war die logische Konsequenz, dass man nach Bekanntwerden des Verrates relativ schnell den „einzig möglichen Verdächtigen fand“. Der Hauptmann Alfred Dreyfus war Artillerist – die gefundenen Spionageunterlagen betrafen militärische Geheimnisse aus dem Bereich der Artillerietruppe – er hatte verschiedene Abteilungen des Generalstabes durchlaufen und er war Jude. Des weiteren kam er aus dem Elsass, war also fast ein Deutscher und damit ohnehin ein potentieller Landesverräter.

Die Ursachen für die Dreyfus-Affäre liegen also im wesentlichen in den Geburtswehen der Dritten Französischen Republik und im Trauma der Niederlage, mit dem die Französische Nation in den Jahren nach dem Krieg von 1870/71 zu kämpfen hatte. Nur vor diesem Hintergrund konnte die Affäre Dreyfus zur Spaltung Frankreichs führen, obgleich es sich anfangs um ein recht unbedeutendes Ereignis handelte. Obwohl sich – auch unter dem Eindruck einer beispielhaften Verteidigungsaktion (Emile Zola, „J´accuse“) Dreyfus´ Unschuld beweisen ließ, dauerte es zwölf Jahre bis zu seiner Rehabilitierung im Jahre 1906. Das damit verbundene Gerichtsverfahren hatte immense außenpolitische Wirkungen und belastete das Verhältnis Frankreichs zu Deutschland in erheblichem Maße. Für den jungen Wiener Journalisten Theodor Herzl waren Affäre, Prozess und deren Auswirkungen die Motivation für sein politisches Hauptwerk „Der Judenstaat“, in dem er einen eigenen Staat für das jüdische Volk forderte und so die zionistische Bewegung begründete.

Die Affäre Dreyfus stand gleichzeitig nicht nur symbolhaft für die Zeitenwende zur Moderne, die Folgen dieser Krise klingen bis heute nach und stellen einen Markstein im kollektiven Gedächtnis dar, der in ganz Europa das gesellschaftliche sowie politische Bewusstsein schärfte. Damit spielte die Dreyfus-Affäre eine nicht unwesentliche Rolle für die Entstehung der modernen Demokratie in Europa.


»Es gibt immer einen Dreyfus!« So erinnert die nachfolgende Geschichte an den portugiesischen Hauptmann Artur Carlos de Barros Basto, der sein Leben  der Aufgabe widmete, die Marranen Nordportugals zum Judentum zurückzuführen. Sein Schicksal gleicht dem Alfred Dreyfus, mit der einzigen Ausnahme, dass Hauptmann Barros Basto bis zum heutigen Tage nicht rehabilitiert wurde.

„Der Dreyfus Portugals“

Artur Carlos de Barros Basto und die portugiesischen „Marranen“

Mekor Hayyim, Quelle des Lebens, so heißt die von Artur de Barros Basto im Jahre 1927 gegründete jüdische Gemeinde von Porto. Der Gründung der Gemeinde, die zu einer Renaissance jüdischen Lebens im Norden Portugals führen sollte, folgte 1929 die Grundsteinlegung für den Bau der prächtigen Kadoorie Synagoge, finanziert durch Spenden der Kadoorie Familie und der französischen Rothschilds. Schon beim Betreten der Synagoge fühlt man die Präsenz des charismatischen Führers der portugiesischen Marranen, Barros Basto, der mit der Gründung der Gemeinde die seit Jahrhunderten in dieser Region Portugals lebenden Krypto-Juden in die jüdische Gemeinschaft zurückführen wollte.

Entdeckt wurde diese Gruppe von Juden durch den Bergbauingenieur Samuel Schwarz, der 1917 auf einer Inspektionsreise in die Kleinstadt Belmonte Menschen entdeckte, die jüdische Riten praktizierten. Schwarz´ Entdeckung war eine Sensation für die gesamte jüdische Welt. Eine Gruppe von Juden hatte in einer entlegenen Bergregion nahe der spanischen Grenze über den Zeitraum von mehr als vier Jahrhunderten hinweg „im Geheimen“ ihre jüdische Identität bewahrt.


Marranen aus der portu-giesischen Kleinstadt Belmonte feiern gemeinsam
Pessach (um 1925)

Im Jahre 1497 hatte König Manuel I. die portugiesischen Juden dazu gezwungen, entweder die Taufe anzunehmen oder das Land zu verlassen. Die meisten Juden verließen Portugal, viele traten jedoch offiziell zum Christentum über. Im Geheimen praktizierten sie weiterhin ihren Glauben, in ständiger Angst, von der Inquisition entdeckt zu werden. Man nannte diese Menschen Neuchristen, Conversos oder abfällig Marranos.

Die Juden in Belmonte, Covilhã, Fundão und weiteren Kleinstädten in der portugiesischen Provinz Beira-Baixa, sie blieben dem Judentum treu, zündeten Schabbatlichter, fasteten an Yom Kippur und feierten Pessach. Sie bewahrten die Form der jüdischen Eheschließung, einige jüdische Trauergebräuche und ersetzten den Verlust der heiligen Texte durch handgeschriebene Gebetbücher. Auch nach Aufhebung der Inquisition im Jahre 1821 praktizierten sie den jüdischen Glauben weiterhin im Verborgenen.

Ihre Entdeckung durch Samuel Schwarz fiel schicksalhaft zusammen mit dem Zeitpunkt, als der portugiesische „Kriegsheld“ Artur Carlos de Barros Basto  sich dazu entschloss, zum Glauben seiner Väter zurückzukehren. Barros Basto wurde im Jahre 1887 in Amarante in eine Familie von Neuchristen geboren. Er begann eine Karriere im Militär und wurde bekannt, als er in der Revolution von 1910 auf dem Rathaus von Porto die republikanische Flagge hisste. Im Ersten Weltkrieg führte er als Hauptmann eine Kompanie in der Schlacht von Flandern. In den Schützengräben von Flandern sah er einen französischen Offizier, wie er am Freitag Abend den Schabbat-Eingang feierte. In diesem Augenblick erinnerte er sich an die Zeremonie des Kerzenzündens im Hause seines Großvaters in Amarante, die er als kleiner Junge so oft verständnislos mit angesehen hatte.

Dieses Erlebnis sollte Barros Bastos Leben fortan bestimmen. Nach dem Krieg trat er in Marokko offiziell zum Judentum über, sein Name war fortan Abraham Ben Rosh. Zurückgekehrt nach Porto, heiratete er eine jüdische Frau, gründete eine Yeshiva und widmete sein Leben der Aufgabe, die Marranen Nordportugals zum Judentum zurückzuführen.

Die Kirche betrachtete seine Bemühungen, die Neuchristen wieder in die jüdische Gemeinschaft zu integrieren, mit Argwohn. Der Vorwurf eines Priesters, Barros Basto hätte sich an seinen Schülern vergangen, wurde vor einem zivilen Gericht zwar fallen gelassen, die Armee jedoch widerrief im Jahre 1943 seine Ernennung zum Offizier und verfügte seinen unehrenhaften Ausschluss aus der Armee. Artur Carlos de Barros Basto starb 1961 als gebrochener Mann. Alle Versuche, ihn zu rehabilitieren blieben bis heute erfolglos.

Vier Millionen Portugiesen – so schätzt man – sind jüdischer Abstammung, einige Tausend gehören zur Gruppe der Neuchristen, die ihren Glauben niemals aufgaben; viele sind in den letzten Jahrzehnten zum Judentum zurückgekehrt.


Grundsteinlegung Kadoorie Synagoge in Porto (1929), links im Photo Barros
Basto

Auch wenn in der Synagoge von Porto an Rosch Haschana kaum mehr als 20 Juden am Gebet teilnehmen, gibt es dennoch eine Renaissance jüdischen Lebens. 500 Jahre nach der Vertreibung wurde in Belmonte die Synagoge Bet Eliahu eingeweiht – Abraham Ben Rosh´ Traum ging in Erfüllung.