Die Arbeitsergebnisse eines durch den Bund jüdischer Soldaten (RjF) e.V. initiiertes BIldungsprojekt liegen nun als Buchform vor. Das Buch wurde am 30. September 2009 am Ausgangsort des Bildungsprojektes vorgestellt und Repräsentanten des öffentlichen Lebens übergeben. (siehe auch Archiv)
„Juden und Militär in Deutschland: Zwischen Integration, Assimilation, Ausgrenzung und Vernichtung“
Zum Buch: Jüdische und nicht-jüdische Jugendliche, Schulen und Organisationen sowie Bundeswehrsoldaten standen für diesen Band im Dialog. Die Ergebnisse eines bundesweiten Bildungsprojekts aus den Jahren 2008/2009 zum Thema „Jüdische Soldaten“ sind in dieses Buch eingeflossen. Erstmals wird in einer Gesamtschau aus unterschiedlichsten Perspektiven die Vergangenheit sowie Gegenwart betrachtet als auch ein Ausblick in die Zukunft gewagt. Der Band bietet religionsphilosophische Betrachtungen des Judentums, Beschreibungen jüdischer Identität, Betrachtungen zum Konflikt um das oft ausgrenzende deutsche Nationalbewusstsein, kulturhistorische Betrachtungen, medienpolitische Analysen, kultursoziologische Untersuchungen sowie eine bundesweite Befragung jüdischer Jugendlicher und die Eigendarstellung ihrer Positionen. Vertreter der Politik, des Zentralrats der Juden in Deutschland, des BundeswehrVerbandes und eine kritische Würdigung des Medienverhaltens durch Sacha Stawski, Koordinierungsrat der Nichtregierungsorganisationen gegen Antisemitismus, runden das Bild ab. Die vielfältigen Beiträge verdichten sich zu einem Gesamtbild: Die gemeinsame Zukunft kann nach dem Holocaust nur in einem multiethnischen und multireligiösen Nationalstaatsverständnis liegen. Die Bundeswehr, selber Ziel antisemitischer Angriffe, bietet mit ihrer Organisationsphilosophie der „Inneren Führung“ Lösungsansätze in einer zunehmend multireligiöseren und -ethnischeren Welt.
Präsentation: Das Buch wurde am 30. September 2009 am Ausgangsort des Bildungsprojektes vorgestellt und Repräsentanten des öffentlichen Lebens übergeben. (siehe auch Archiv) Unter Anwesenheit des Schirmherrn, Reinhold Robbe, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages, Yaron Engelmayer, Oberrabbiner des Kölner Landesverbandes und Vorstandsmitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands, Oberst Ulrich Kirsch, Bundesvorsitzender des Bundeswehrverbandes, Claudia Korenke, Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Daniel Hofmann, Initiative Honestly Concerned, Vertretern der Bildungsträger und -institutionen (u.a. Friedrich-Ebert-Stiftung, Kultusministerium NRW), Politik und Schulen sowie hochrangigen Vertretern der Bundeswehr, u.a. dem Stellvertreter des Generalinspekteurs und Inspekteur der Streitkräftebasis, Admiral Kühn, präsentierten Autoren ihre Beiträge. Rabbiner Engelmayer sprech das El Mole Rachamim für die in der Shoa Ermordeten. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Daniel Kempin, Vorbeter des Egalitären Minjan Frankfurt.
Vater Bernhard (Protokoll Verteidigungsministerium) und Sohn Benjamin Fischer (Berliner jüdische Oberschule) berichten über ihren Buchbeitrag.
Daniel Hofmann (Honestly Concerned e.V.) und Claudia Korenke (Vizepräsidentin Deutsch-Israelische Gesellschaft) lauschen den Worten des Redners
Buchübergabe durch Michael Berger an Oberrabbiner Engelmayer
Musikalische Begleitung durch Daniel Kempin
Das Projekt
Das am 18. November durch Landrat Frithjof Kühn/Rhein-Sieg-Kreis (Foto oben, links) mit einer "Kick-off-Veranstaltung" gestartete bundeweite, wohl so einmalige Bildungsprojekt zum Thema „Deutsch-jüdisches Verhältnis“ ist beendet.
Das Projekt ist aus der Zusammenarbeit von Dr. Claudia Arndt (Gedenkstätte „Landjuden an der Sieg“, Rhein-Sieg-Kreis, Foto unten rechts) und dem Bund jüdischer Soldaten (RjF) entstanden.
Das zunächst als begrenzte Kooperation gedachte Bildungsprojekt entwickelte eine positive Eigendynamik: Nach kurzer Zeit beteiligten sich Bundeswehrdienststellen, Schulen, jüdische Gemeinden und Organisationen aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Karl-Theodor-Molinario-Stiftung, das Bildungswerk des Deutschen Bundeswehrverbandes, unterstützt das Projekt, dessen Ergebnisse am 30. September 2009 in Siegburg als Buch präsentiert wird. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe, hatte die Schirrmherrschaft übernommen. Die Bundeswehrführung unterstützt das Projekt nachdrücklich und Bundeswehrdienststellen werden die Arbeitsergebnisse in ihrer Ausbildung nutzen.
Ursprünglich nur auf regionale Forschung begrenzt, erkannten jüdische Bundeswehrsoldaten und der Rhein-Sieg-Kreis rasch, dass sich die Fragestellungen auf andere Regionen übertragen lassen und sich neue, noch unbeschrittene Pfade zur Erforschung der Geschichte finden lassen. So untersuchte das Siegburger Anno-Gymnasium unter Führung der Schulpfarrerin Hirzel (Foto unten) nicht nur eine Familiegeschichte, sondern näherte sich der Thematik auch durch einen kunsthistorischen Zugang: Benno Elkans Opferdenkmäler und Max Liebermanns Lithographie „Den Müttern“ der Zwölftausend“ sind Beispiele für deutsch-jüdischen Patriotismus.
Bundeswehrärzte des Streitkräfteamts erforschzen die menschenverachtenden „Wehrtechnischen Versuche“ an Juden im KZ-Dachau. Auch die Pflicht zum Wehrdienst aus Sicht des jüdischen Religionsgesetzes wurde analysiert, die Geschichte der deutschen Militärrabbiner betrachtet und die Behandlung jüdischer Soldaten in der DDR unter dem Gesichtspunkt des offiziellen Antizionismus und des erlebten Antisemitismus beschrieben. Ein Übersichtsanteil und Fallbeispiele skizzieren die Geschichte der deutschen jüdischen Soldaten und ermöglichen dem Laien den Zugang zum Thema.
Doch es blieb nicht bei rein historischen Fragestellungen. Gideon Römer-Hillebrecht (Foto unten), Koordinator des Projekts vom Bund jüdischer Soldaten, hob hervor: „Die Erinnerung an das Schicksal und die Verdienste der jüdischen Mitbürger ist sicherlich eine sehr wichtige Aufgabe, noch wichtiger ist es jedoch, die Folgerungen für das Hier und Jetzt sowie die Zukunft zu ziehen.“
Eine Betrachtung zum Antisemitismus gegen die Bundeswehr sowie medienpolitische, museumspädagogische und staatsphilosophische Betrachtungen eröffneten neue Perspektiven. Beiträge aus Politik, Verbänden und Zentralrat der Juden in Deutschland runden das Bild ab.
Die Offiziersschule der Luftwaffe unter Leitung des Militärhistorikers Dr. Peter Popp (Foto unten links) widmete sich unter anderem anhand der Ausstellung "Deutsche jüdische Soldaten" der Frage, ob die meist vorherrschende schrift-orientierte Darstellung dazu geeignet ist, den meist visuell-orientierten Jugendlichen noch die Vergangenheit zu vermitteln.
Das Projekt stellte neben derartigen museumspädagogischen Fragen übergreifende Fragen an das heutige deutschjüdische Verhältnis: Ist die Vergangenheit wirklich Vergangenheit oder gibt es Ausgrenzungsversuche jüdischer Soldaten? Sind die Enkel von Holocaust-Opfern bereit, in der Bundeswehr zu dienen? Wie wird Antisemitismus heute erfahren?
Befragungen jüdischer Jugendlicher (Berlin, Frankfurt, Pinneberg, Hof etc.), Teilprojekte jeweils des Bundes jüdischer Soldaten und der Unteroffizierschule aus Appen, unter Leitung von Benedikt Hoff (Foto oben rechts), sowie deutscher Wehrpflichtiger und Podiumsdiskussionen zwischen jüdischen Wehrpflichtigen und jüdischen Jugendlichen (Projekt der Fernmeldebataillons 284 aus Wesel, Foto unten) widmeten sich diesen Fragen. Eine erstmalige repräsentative Umfrage zu diesem Themenkomplex wird für die weitere Forschung Grundlage bieten.
Doch das Projekt liefert mehr, als eine erstmalige Gesamtübersicht zu der Thematik „Jüdische Soldaten in Deutschland“, die auch die Gegenwart betrachtet und Fragen in die Zukunft stellt. Die vielen Teilprojekte haben schon in der Vorbereitung eine enge Zusammenarbeit zwischen Juden und Deutschen ermöglicht. Diese soll in der Zukunft weiter vertieft werden.